Wir haben Zeit. Erzählen Sie mir einfach der Reihe nach, was Ihnen zugestossen ist. Oberärztin Adele Voigt setzte ihre verständnisvollste Miene auf. Dem lieblos möblierten Besprechungszimmer hätte eine Überarbeitung nach Feng Shui Regeln auch nicht geschadet. Am riesigen Tisch, der eigentlich nur aus vier kleineren Tischen zusammengestellt war, hing Tom in Jeans und zerknittertem blauen Hemd, übel aussehend, unrasiert, überhaupt ungepflegt, aber nein, immerhin nicht nach Alkohol riechend. Schwester Rosa, die ihn durch das Labyrinth der Gänge in dieses Kleinod deutscher Innenarchitektur geführt hatte, verließ mit einem Augenzwinkern in seine Richtung den Raum, die schwere Tür fast lautlos schließend.
Und da schwebte nun diese Aufforderung der Oberärztin im Raum. Wo sollte er anfangen? Adeles Blick fiel auf den vor ihr liegenden Einweisungsbericht. Tom Ate, 48 Jahre, alleinstehend, drohende Verwahrlosung, Verdacht auf psychotisches Geschehen, hält sich für einen bedeutenden, aber verkannten Schriftsteller, scheint Realität und Fiktion nicht mehr auseinanderhalten zu können, beteuert, er sei von einem Brian Fletcher, der eigentlich Brian Big sei und aus dem Jahr 2047 stamme, in seiner Wohnung mit einer nicht näher bezeichneten Handfeuerwaffe bedroht worden, habe massive Angst- und Panikattacken erlitten. Wenige Tage zuvor schon mutmaßliche psychotische Episode, Eva Lund, eine Neurologin, angeblich ebenfalls aus der Zukunft stammend, habe ihm seinen in Entstehung begriffenen Roman, in dem sie selbst eine Hauptrolle spiele, in wesentlichen Teilen umgeschrieben. Damals habe er die Erscheinung noch als Dämon wahrgenommen. Brian Fletcher hingegen sei absolut echt, aus Fleisch und Blut. Bitte um rasche Aufnahme zur genaueren diagnostischen Abklärung und psychiatrischen Notfallbehandlung. Besten Dank und kollegiale Grüße, Dr. Kalotas Chaloupka.
Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass der englische Vorname Brian ziemlich ähnlich dem englischen Hirn, also brain, geschrieben wird? Soll das ein Zufall sein? Tom sprach mehr zu sich selbst. – Nun, was meinen Sie, ist es Zufall, oder… – Es ist Zufall, was denn sonst. Ich bin nicht durchgeknallt, wie Sie das hier in dieser Klinik natürlich annehmen. Ich hab das alles so erlebt, Frau Doktor. – Natürlich haben Sie das. Damit ich Sie besser verstehen kann, Herr Ate, wäre es ganz gut, wenn Sie mir erzählen würden, was Sie da genau erlebt haben. – Eigentlich ist Bernd an allem Schuld. – Bernd, wer ist Bernd? – Bernd ist ein Kollege, ein Freund meinetwegen. Er hilft mir manchmal, wenn der PC spinnt. Diesmal hat er mir aber gar nicht geholfen.
Tom traute seinen Augen nicht. Was war mit der Kiste los? Die letzten Einträge zu seinem Roman waren nicht mehr im Verzeichnis. Die Story, die Eva Lund so fulminant in die Tasten getrieben hat, die Story, die Fletcher mir aufnötigte. Alles weg. Das gibt’s doch nicht! – Tom war außer sich. Er fuhr die Kiste runter und startete sie erneut. Manchmal hilft das ja. Aber in diesem Fall lagen die Dinge wohl wesentlich anders. Wie konnte das sein? Hatte ihm irgendjemand die, ausgerechnet diese, wichtigen Beiträge gelöscht? Wer hätte das sein können? Nach Minuten der Verzweiflung kam ihm Bernd in den Sinn. Er musste her. Es gab keinen besseren Informatiker und schließlich waren sie befreundet.
Ich höre. – Eine von Bernds Allüren. Doch Tom war froh, dass er hörte. Bernd, hör mal, ich hab da ein Riesenproblem. Da sind Daten gelöscht worden auf meinem Computer. Kannst du nicht eben mal vorbeikommen und das Ganze wiederherstellen? Ich mach dir auch einen super Kaffee, hier. – Tom, alter Ganove. Machst du denn keine Backups? – Backups? Ja, nein, scheinbar nicht, Scheiße. In Zukunft mach ich das, versprochen. – Bernd lachte blechern am andern Ende der Leitung. – Hör mal Tom, so einfach, wie du dir das vorstellst, ist es vielleicht nicht. Und ich kann nicht mal eben schnell zu dir rüberkommen. Hast du vergessen, auf welchem Berg ich hause? Wieder dieses Lachen. Äh, aber ich brauch deine Hilfe, verdammt. Wozu bist du Informatiker? – Schon gut, du musst mir die Berechtigung für den Fernzugriff geben, Tom, dann mach ich das hier an meinem Bildschirm. – Fernzugriff? Wie soll ich das… – Ja, ich erklär dir’s. Pass auf…
Minuten später sah Tom wie sein Bildschirm scheinbar ein Eigenleben entwickelte. Bernd sauste durch die Dateien und Verzeichnisse, dass einem beim Zusehen schon klar wurde, hier ist ein wahrer Profi am Werk. Tom schöpfte Hoffnung. – Hast du schon was? – Geduld Tom, ich such den Kram überall. Müssten doch irgendwo Spuren zu finden sein. Drei Minuten später war das Urteil gesprochen. Hier ist gar nichts zu finden von dem, was du suchst. An diesem PC sind überhaupt seit mehr als vierzehn Tagen keine neuen Dateien mehr erstellt worden, weder Textverarbeitung noch sonst was. Tut mir leid, Tom, du irrst dich da ziemlich deftig, würde ich meinen. – Was, ich irre mich? Und wenn so ein Profi, wie Du einer bist, alle Spuren beseitigt hätte. – Das müsste wirklich ein Profi gewesen sein. Ne, unwahrscheinlich. Wer sollte das tun, Tom. Du bist wahrscheinlich mit den Nerven fertig, Freundchen. Geh mal zum Arzt, kann nicht schaden. – Zum Arzt? Du spinnst wohl? – Na, denn, überleg dir’s. Äh, die Zugangsberechtigung würde ich wieder zurückfahren. He, Tom, nimm’s mir nicht übel. Ich hab ne Menge zu tun hier. Die ganze Bude voll defekter PCs. Man sieht sich. Tschü. – Äh, ja, dann, tschüss Bernd.
So war das mit Bernd. Verstehen Sie das, wieso der mich derart hängen ließ? – Es war vielleicht gar nicht so eine schlechte Idee von Bernd, dass Sie zum Arzt gehen könnten, in Ihrer Situation… – Keine schlechte Idee? Es war wohl seine beschissenste Idee überhaupt!