Sylvie kaute auf ihrem Kugelschreiber herum, einem Werbegeschenk eines Pharmariesen, starrte auf den Notizblock, gesponsert von der gleichen Firma. Abgesehen vom wenig dezenten Firmenlogo war ihr Block immer noch leer. Dabei hatte sie den Patienten schon zehn Minuten in der Mangel. Nun dehnte sich das Schweigen. Sylvie fühlte, dass ihre Ohren heiß wurden. Was hatte ihr die Voigt gepredigt? Lass dir Zeit, setz die Patienten nicht unter Druck. Die kommen schon mit ihrem Problem hervor. Aber zuerst musst du ihnen die Gelegenheit dazu geben. Gib ihnen das Gefühl, als Person wirklich ernst genommen zu werden. Du musst sie ernst nehmen, Sylvie.
“Ja, Herr Ate, Sie sagten doch bei Eintritt, dass Sie unter Angst litten, Angst vor der Verfolgung durch einen Herrn Fletcher, wenn ich mich nicht irre?”
Tom hielt ihrem Blick stand. Die Sekunden verstrichen, ja es war die junge Assistenzärztin, Frau Dr. Sylvie Sontheimer, die den Blickkontakt, nervös wie ihm schien, abbrach.
“Mr. Fletcher ist eine Nummer zu groß für dieses Teegespräch. Das lassen wir mal lieber. Wissen Sie, Frau Sontheimer, mir war einfach nicht so wohl am letzten Dienstag und da bin ich blöderweise auf den Rat meines Kollegen hin – nun ja, das wissen Sie ja alles schon, eben bin ich zum Arzt. Verstehen Sie, und mein Hausarzt, dieser Dödel, weist mich in die Klapse ein. Ich fasse es nicht.”
“Er wird doch einen Grund gehabt haben, der Herr Chaloupka?”
Tom war wieder nach Schweigen zumute. Was sollte das hier bringen? Er musste in die Offensive.
“Frau Sontheimer. Nun ja, Sie sind noch sehr jung – aber, äh, denken Sie manchmal auch darüber nach, wie Sie das anstellen könnten, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen? Ich meine, die Sache mit dem Jungbrunnen. Wollen Sie nicht auch, insgeheim wenigstens, müssen ja nicht alle wissen, aber möchten Sie im Grunde nicht auch, ähm, unsterblich werden?”
“Unsterblichkeit? Naja, wissen Sie, Herr Ate. Als Ärztin wäre das ja irgendwie vielleicht möglich, im doppelten Sinn sogar.” Sie lachte und hoffte damit zu punkten. “Und Sie als Schriftsteller, träumen Sie davon, dass ihr Werk, ihr Name unsterblich wird?”
Träumen? Was bildete sich diese junge Dame ein. Als gestandener Mann träumt man nicht mehr solch pubertären Kram. Und dieser süffisante Unterton in der Frage. Natürlich nahm sie ihn als Schriftsteller gar nicht ernst.
“Sie nehmen mich gar nicht ernst, Frau Sontheimer.” Vernichtender hätte er nicht antworten können. Sylvie sackte sichtbar ein, wie getroffen von einem wilden Schwerthieb, den Tom scheinbar unter Anleitung von Oberärztin Voigt ausgeführt hatte.
“Wie können Sie so etwas sagen. Ich, ich, versuche… also ich nehme Sie doch ernst! Niemand sonst hier ist bereit, Sie so ernst zu nehmen, Sie so zu verstehen, wie ich das hier jetzt will! Das müssen Sie mir glauben, Herr Ate.”
“Frau Sonthofer. Sie, äh, wie soll ich es sagen. Ich denke, Sie können mir gar nicht helfen. Ich denke schon, dass Sie mir eigentlich helfen wollen. Aber das Einzige, was Sie für mich tun könnten, ist, – ähm, wäre, dass Sie mich aus der Anstalt entlassen.”
Sylvie zitterte. Anstalt. Dieses Wort schon. Sonthofer. Nun ja, wäre ja auch möglich. Natürlich war Tom nicht der erste, der sich nicht hatte helfen lassen wollen. Aber heute war es zuviel. Draußen hinter dem kleinen Dachfenster tobte der Frühling. Und sie beide saßen hier in ihrem viel zu kleinen Büro, in der stickigen Luft, zwischen Orchideen, die nicht blühen wollten und Bücherstapeln, alles kaum gelesene Fachliteratur, auch über klinische Gesprächsführung, durchaus. Auf dem Pult machten sich Krankenakten und liegen gebliebene Korrespondenz breit, das Unerledigte. Am winzigen Besprechungstisch saßen sie sich gegenüber, viel zu nah, viel zu intim. Sylvie war es viel zu nah, zu intim. Sie wusste, dass er sie jetzt beobachtete, sie traute sich nicht mehr den Blick zu heben. Ihr schwarzes, mittellanges Haar konnte ihr gerötetes Gesicht nur unzureichend verbergen. Wie alt mochte sie sein? Keine 30 Jahre. Wie lange sie diesen Beruf wohl schon ausübte?
“Sie. Sie haben heute vielleicht nicht ihren besten Tag, Frau Sonthofer, nein, Sontheimer, ja? Könnte das sein? Vielleicht wollen Sie das Gespräch lieber verschieben? Wenn Sie morgen Zeit hätten, wäre das auch ganz gut…”
“Nein, Herr Ate. Ich bitte Sie, brechen Sie das Gespräch nicht ab. Im Grunde, im Grunde meines Herzens verstehe ich Sie ja so gut!” Tom wurde nun doch ein wenig unruhig. Obwohl die Tranquilizer ihre Wirkung nicht verfehlten. Sylvie rollte eine Träne über ihr rosa Gesicht.
“Hm, erzählen Sie doch mal, wie das für Sie so ist. Als Ärztin sich all den Kram der Leute anzuhören. Immer Rat, immer eine Lösung bereit haben zu müssen. Dieser Druck. Keiner mag Sie hier. Die Patienten nicht, weil Sie immer diese Scheißpsychopharmaka verordnen, die Krankenkassen nicht, weil die Berichte immer zu spät kommen, oder? Die Vorgesetzten nicht, weil andere effizienter sind als Sie, könnte das sein? Vielleicht, Frau Doktor, sind Sie, wenigstens momentan, meine ich, also vielleicht sind Sie jetzt gar nicht so glücklich mit ihrem Beruf? Möchten lieber was ganz anderes tun? Sie können es mir ruhig sagen. Ich stehe auch unter Schweigepflicht.” Tom versuchte es mit einem verständnisvollen Lacher.
“Sie haben völlig recht, Herr Ate, ver…, verschieben wir das Gespräch auf morgen.”
“Ist das die Lösung?”
“Nein. Sie haben recht.”
“Sagten Sie schon.”
“Aber anders rum. Ich, ich… wenn ich ehrlich bin? Verstehen Sie, was ich jetzt hier mache?! Also, wenn ich ehrlich bin, mir wächst das alles über den Kopf. Ich bin keine gute Ärztin und werde es wohl nie werden. Ich kann das irgendwie nicht!” Sylvie weinte, jetzt hemmungslos. Tom schämte sich. War das Fremdschämen oder schämte er sich für sein Versagen als Patient? Bei dem Gedanken musste er innerlich lächeln.
Er konnte nicht anders. Jetzt war der magische Augenblick. Um sie zu trösten, fuhr seine Rechte behutsam an ihre linke Wange, er wischte ihr die Tränen weg und hielt ihren Kopf, den Sylvie sanft zur Seite neigte, dann ganz in seine Hand legte. Sie schaute ihm wieder in die Augen, erleichtert und dankbar. Diese zarte Berührung tat ihr gut, sie seufzte. Und zugleich stand sie unter Hochspannung. Wenn die Voigt das wüsste. Sie würde ihre Stelle sofort verlieren.
“Das, das…”
“Ja?”
“Das ist jetzt gar nicht professionell von mir.”
“Nun, ja. Aber, ähm, menschlich. Das macht Sie jedenfalls nicht unsympathisch, wenn Sie verstehen, was ich…”
Sie nickte. Dann erhob sie sich, mit zitternden Knien.
“Danke.” Verließ ihr Büro, ließ Tom sitzen, Teetassen stehen. Der Notizblock lag noch immer da, leer.
Toms Gefühle, wiewohl pharmakologisch gedämpft, fast frühlingshaft durcheinander. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass er sie mochte, ja begehrte. Auf einmal sind positive Gefühle da. Hey, gute Therapie, Frau Doktor. Ich komm wieder zu Ihnen.