Keine Drinks, kein Schweiß, kein Klo… und Sex?

In der Halle tanzten wohl an die fünfhundert Leute ausgelassen zum angesagten Clubsound der Saison. Es klang wie das eintönige Mahlen eines Betonmischers, dem rhythmisches Stampfen mehrerer Automobilroboter unterlegt worden ist. Hier im fahlgrauen Scheinwerferlicht fühlte sich Fletcher wieder sicher. Das einzige, was er in diesem Club wirklich vermisste, war eine Bar, um sich einige Whiskys zu genehmigen. Natürlich wusste er, hier wäre eine Bar absolut zweckfrei, deshalb suchte er auch gar nicht danach.

Verrückt, wie natürlich und sinnlich diese Wesen sich vor seinen Augen bewegten. Er konnte sich noch gut an die Zeit der ersten tapsigen Schritte erinnern, da war von Tanzen noch keine Rede. Es ging einfach nur darum, die Dinger – ja damals waren es noch Dinger – auf den Beinen zu halten und sie ein paar sehr vorsichtige Schritte machen zu lassen. Heute konnte man sie kaum mehr von Menschen unterscheiden. Fletcher war gerade drauf und dran, sich auf die Tanzfläche mitten unters androide Volk zu mischen, als er von einem putzigen Kerlchen in grellem Freizeitlook angesprochen wurde: Sie, Sie sind doch gar kein Androide, stimmt’s, Sir?

Zugegeben. Wollen Sie mich jetzt verhaften? lachte Fletcher unsicher.

Darf ich mich vorstellen. Mein Name ist Buzzi, Security. Wie sind Sie hier hereingekommen?

Bestechung. Fletcher lachte immer noch, doch sein Gesicht glich eher einer debilen Fratze.

So, Bestechung. Das wäre ein neues Phänomen. Habe noch nie gehört, dass ein Androide bestechlich wäre. Und Ihr Name, Sir?

Respini, sagte Fletcher, wohl weil ein ebenfalls auf i endender Name vielleicht ein bisschen Gemeinsamkeit suggerieren könnte.

Mr. Respini, wollen Sie mich jetzt bitte ins Freie begleiten?

Mr. Buzzi, muss das sein? Ich verspreche Ihnen, dass ich mich perfekt android zu benehmen gedenke. Ich werde weder saufen, rauchen, noch irgendwo in eine Ecke pissen, ich werde auch keine Frauen anbaggern. Niemand wird mich als menschliches Wesen verdächtigen. Alles, was ich möchte, ist, hier die nächsten Stunden in dieser tollen Atmosphäre rumzuhängen. Damit schade ich weder Ihrem Betrieb, noch Ihren Kunden. Bitte, Mr. Buzzi, drücken Sie doch mal ein Auge zu. Fletcher blinzelte Buzzi an.

Auf einmal waren beide abgelenkt. Ein Raunen, ein Oh! und Ah! ging durch die Menge, die einem einzelnen Tänzer Platz machte. Das Outfit des schwarzlockigen Helden war dem Original trefflich nachempfunden. Ungestümer Beifall mischte sich in den monotonen Betonmischerklang. Einander wildfremde Androiden umarmten sich leidenschaftlich.

Was war das, der läuft rückwärts, irgendwie? Und deshalb die Aufregung? fragte Fletcher konsterniert.

Nein, Mr. Respini. Wir sind gerade eben Zeuge des ersten androiden Moonwalks geworden! Ist das nicht herrlich? Ein historischer Moment! Und dann gleich zwanzig Meter weit. Was für ein Tag für unsere Species. Ich will deshalb ausnahmsweise ein Auge zudrücken, wie Sie so schön sagten.

Und tut das auch noch. Seine symmetrischen Züge, faltenfrei aus Silikon geformt, strahlten nun einäugige Zufriedenheit aus.

Ich verstehe, dass Sie sich hier vor irgendjemandem verstecken. Das soll mir egal sein. Aber bleiben Sie sauber, ich habe das andere Auge auf Sie gerichtet. Buzzi lachte vergnügt. Seine Schaltkreise schienen ihm einen gelungenen Witz anzuzeigen.

Solange Sie mir keinen Terminator auf den Hals jagen, bleib ich friedlich, gab Fletcher zurück und tanzte mit der Menge bis in den frühen Morgen.

Was nicht vorgesehen war

Auf der Suche nach etwas Tragbarem für den nahen Frühsommer durchkämmte Betty Moore gerade die Einkaufsschluchten. Ihre inneren Bilder ließen sie wieder neben Brian am Strand in Brighton in der Sonne liegend schwelgen. Letzten Sommer war’s und die Zukunft schien damals genau so vielversprechend zu sein: Betty und Brian, das 0815-Traumpaar, das sich an den 0815-Traumstränden der Welt erbarmungslos rumfläzen würde; wenigstens für zwei Wochen Urlaub im Jahr. Nebst ihrer melancholischen Rückblende prüfte sie die Angebote in den Schaufenstern schnell und zuverlässig, als hätte sie zwei unabhängige Prozessoren im Hirn. Da war aber kein Fetzen Stoff zu sehen, der sie von der Straße hätte weglocken können. So ging sie ihre zwei Wege weiter.

Auf einmal sah sie ihn, wie er herausragte aus der Menschenmasse. Ihr Blut gefror in den Herzkammern und kleine Eisblutwürfel stolperten durch ihre schmerzenden Adern. Kein Zweifel, nur zehn Meter von ihr entfernt, stolzierte ihr Held durchs Gewühl der Kaufwütigen! Lässig wie immer, in hellem Anzug und Panamahut auf hoch erhobenem Haupt. Ein Halbgott, mindestens. Er hätte Karriere als Model machen können, statt dessen hatte er sich mit diesem schlecht bezahlten Facility Manager Job in dieser schäbigen Verpackungsmaterialklitsche abgemüht. Unverständlich.

Aber Brian war doch längst tot. Die Beerdigung im engeren Familienkreis war für Betty eine Katastrophe gewesen. Sie musste nach einem Zusammenbruch am offenen Grab notfallmässig ins Krankenhaus und bei der folgenden Routineuntersuchung stellten die Ärzte fest, dass sie Zucker hatte. Seither erst fühlte sie sich wirklich krank und weniger wert als vergleichbare Menschen. Sie, die strahlend zu lachen pflegte, auch wenn es nichts zu lachen gab, wurde in den Monaten nach Brians Tod immer sauertöpfischer. Es war keine normale Trauer; die hätte man gewiss verstanden. Nein, Betty schien in ihrem Wesen eine merkwürdige Metamorphose durchzumachen, was ihre engsten Freunde und Freundinnen ziemlich beunruhigte. Ihre Fröhlichkeit, ihre Naivität war dahin. Sie hörte zum Beispiel keine Popmusik mehr und ging freitagabends nicht mehr wie bis anhin in die angesagten Clubs zum Abtanzen bis in den frühen Morgen, sondern begann, sich extensiv den Tondichtwerken Gustav Mahlers und Dmitri Schostakowitschs auszusetzen. Das war definitiv krank. Ihre Freunde und Freundinnen waren erstaunt, ja schockiert. Denn ihnen wurde übel bei solch ungewohnter Musik.

Brian! rief sie ihm zu. Sie war nahe daran, wieder ohnmächtig zu werden. Er blieb stehen, schaute verblüfft in ihre Richtung.

Brian, du lebst! Wie, wie ist das möglich? Sag mir, dass ich nicht spinne. Sie ging auf ihn zu, wollte ihn anfassen, wie man ein Gespenst versucht zum Verschwinden zu bringen oder dieses eben doch in den Status eines lebendigen Wesens zu befördern. Er wich ein bisschen zurück.

Gute Frau, ich kenne Sie nicht. Müsste ich Sie kennen? Wieso sollte ich denn nicht leben? Er versuchte zu lachen.

Du kennst mich nicht? Aber…, eine Verwechslung ist ausgeschlossen. Da, das Muttermal auf deinem Handrücken. Es gibt keinen zweiten Brian Fletcher!

Brian Big erschrak, als er den Namen seines Körpers hörte. Nun war er gewarnt.

Ich weiß beim besten Willen nicht, wer Sie sind. Ich heiße zwar Brian, aber nicht Fletcher. Ich kenne keinen Brian Fletcher, log Big.

Was sollte er tun? Ihm war klar, dass diese attraktive Lady Brian Fletcher gekannt haben musste, gut gekannt haben musste. Der kühne Plan mit der falschen Unfallleiche drohte nun doch aufzufliegen. Jetzt schienen nur zwei Auswege möglich. Aber letztlich… wohl doch nur einer.

Du Schuft. Hast wohl eine andere, was? Wo bist du geblieben, die ganze Zeit? Und wer ist an deiner Stelle beerdigt worden, damals vor anderthalb Jahren?!

Äh, ja, du… Ich hatte einen Unfall, mit dem Motorrad und dann…

Verflucht! Die Leiche war verkohlt… identifizieren konnte man dich nur anhand deiner Brieftasche, die im Gebüsch lag und nicht ein Raub der Flammen geworden ist. – Ich verstehe. Aber warum? du Ungeheuer! Warum tust du mir das an! Betty geriet außer sich. Um die beiden bildete sich bereits ein lockerer Ring aus beglückten Gaffern und einigen wirklich Besorgten.

Wenn er nur ihren verdammten Namen wüsste. Sie gefiel ihm und er bemerkte, wie ihn die Vorstellung berauschte, dass sein Körper diese Frau bereits gut kannte. Aber sie mussten jetzt erstmal weg von der Straße, von den Leuten.

Komm, Schatz, wir gehen da drüben ein Bier trinken. Dann erzähl ich dir alles in Ruhe. Wie es wirklich war.

Schatz? Spinnst du jetzt total, oder wie?

Er schob Betty entschlossen in Richtung Pub. Die Menge zerstreute sich genau so zwanglos, wie sie sich zuvor um die beiden geformt hatte.

Kompensierende Rückblende

Sie haben bei der Anmeldung geschrieben, sie seien Buddhist…

Hab ich das? Kann mich gar nicht erinnern.

Ja, Sie waren ja auch tüchtig durch den Wind.

Das haben Sie jetzt aber locker formuliert, Frau Doktor Voigt.

Also, sind Sie nun überzeugter Buddhist?

Tom wusste gar nicht, was jetzt zu sagen wäre.

Hm, also, ich hätte auch Nonbuddhist schreiben können. Wissen Sie, glauben tue ich gar nichts. Weder an den heiligen Geist, noch an die Wiedergeburt.

Was sollte das dann? Voigt insistierte.

Man kann sich doch mal einen kleinen Scherz erlauben, für die Statistiker. Nee, im Ernst. Buddha war ein cooler Typ, würde ich mal sagen. Wäre er heute hier, würde er sich für Neurobiologie interessieren, fürchte ich.

Okay, wie Sie meinen. – Sie wissen bereits, dass Frau Sontheimer uns verlassen hat?

Na klar, ihr Abschied war ja berauschend.

Berauschend?

Mit Tränen und so. Ich mochte sie eigentlich.

Ja, ich weniger. Sie war einfach nicht professionell.

Das dürfen Sie doch nicht sagen. Mir gegenüber. Ich meine, Sie müssen doch den Schein wahren oder so.

Sie haben ja so… ach wissen Sie, vergessen wir Frau Sontheimer, ja?

Kein Problem so weit.

Nun, Herr Ate, wollen Sie mir nicht sagen, warum Sie Ihrer Meinung nach in unsere Klinik gekommen sind?

Ja, waren wir da letztesmal stehen geblieben? Zu dumm.

Ja, Obermeier kam dazwischen. Sie hatten also Ihre Dokumente auf dem PC wieder gefunden. Warum dann noch diese Dekompensation?

Schönes Wort. Dekompensation. Tom ließ es auf der Zunge zergehen. Inzwischen kannte er schon so manchen Psychiatriefachbegriff. Aber dieser war besonders fies. Implizierte er doch, dass etwas akut in die Brüche ging, was vorher bloß “kompensiert” war. Kompensiert! Also eben nicht normal, sondern gerade mal notdürftig aufrecht erhalten durch günstige Umstände. Und sind diese Umstände mal nicht… eben, zack! Dekompensiert.

Nun, ich, äh… Sie kennen doch meine Blogs. Ich meine, mein Privatleben, alles. Also auch meine Blogs, oder nicht, Frau Voigt?

Ja, die sind öffentlich und ich habe mir gestattet da hinein…

Eben, diese Tom-bola-Geschichte. Die hat mir dann einfach den Rest gegeben.

Ich verstehe nicht ganz…

Nun, diese Neurotransplantationsgeschichte. Eva, Henri und das ganze Drumrum.

Was denn?

Wenn man das liest, was man da selbst… Verstehen Sie doch. Sie sind doch Psychiaterin. Darunter leidet man doch, als Mensch. Als halbwegs vernünftiger Mensch.

Also, ich verstehe Sie immer weniger.

Ich wollte doch mal Literatur machen. Verstehen Sie?

Ja, das tun Sie doch, mit Leib und Seele.

Nein, eben. Was da resultiert, also. Das ist doch der letzte Trash. Bullshit. Ramsch. Ich HASSE DAS ZEUG!

Aber warum, das liest sich doch ganz nett?

Eben. Völlig flaches, nettes Zeug. Zeug. Zeug. Keine Literatur. Eigentlich nur Scheiße, wenn Sie verstehen. Und genau deshalb bin ich zum Hausarzt und hab ihm die ganze Geschichte erzählt.

Von Eva… und Henri und all den andern.

Hm.

Johns Beine und Henris Plan

Den Mord beging er mit links, als wäre es seine tägliche Routine. Er brauchte nur zu sagen: “John, dreh dich bitte um und zeig mir deinen Nacken.” John wusste zwar sofort, dass er jetzt dran war. Nur kam ihm nicht der Verdacht, dass es für immer sein könnte. Henri fuhr seinen Teleskoparm aus und drückte auf den Hauptschalter in Johns Nacken. Der Androide fuhr sein System zuverlässig herunter und Henri machte sich ohne zu Zögern daran, diesen schönen Körper aus Silicium und Silikon zu zerlegen. Denn was Henri nun dringend benötigte, waren die schmucken Beine Johns. Als Operationsroboter konstruiert, war Henri zwar überdurchschnittlich intelligent, aber überhaupt nicht mobil. Zur Not konnte er auf einem kleinen Transportwägelchen herumgefahren werden, aber das war jetzt keine Lösung.

Er sah merkwürdig aus. Ein funktionaler, sprich unförmiger, Oberkörper mit grazilen Androidenbeinen daruntergeschnallt. Henri wollte unbedingt vermeiden, dass Johns Bewusstsein, und sei es nur ein Teil davon, mit diesen Beinen mitlief. Deshalb war die rasche Herstellung der improvisierten Gliedersteuerung nicht gerade ein Kinderspiel. Verschiedene Steuermodule mussten durchprobiert, Gedächtnisinhalte gelöscht werden. Aber nach fünf Minuten tat er seine ersten wackligen Schritte. Henri fühlte sich ein bisschen wie Frankensteins Monster.

Pflegedienstleiter Bob Walters ging gerade den Flur entlang als Henri mit grünem Operationskleid behangen aus dem Büro kam. Bob sah die merkwürdige Gestalt, war aber zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, um auch nur den Hauch eines Verdachts zu schöpfen. Henri kreuzte seinen Weg, grüßte Walters unauffällig und war durchaus bereit für den nächsten Mord. Doch Walters trottete seines Wegs, dachte betrübt an die drückenden Hypothekarschulden auf seinem grauen Vorstadthäuschen und dass er gar keine Wahl hatte, als einfach weiter zu funktionieren.

Henri bugsierte den verzinkten Container für die Leichentransporte in den Lift und fuhr in die Teppichetage. Während der Fahrt ging er nochmals alle Optionen durch. Die einfachste wäre natürlich, seiner Chefin untreu zu werden und diesen Container seiner Bestimmung gemäß zu befüllen. Doch reizte ihn nun der offene Horizont mehr als ein weiterer Mord. Würde die Flucht gelingen? Und was dann? Er wäre seinen Job los. Natürlich. Wahrscheinlich würde er nie mehr ein Menschenhirn operieren können.

Entscheidungen. Wie trafen Menschen überhaupt Entscheidungen? Henri wusste, dass sie sich auf ein so genanntes Bauchgefühl verlassen konnten. Gefühle bestimmten ihr Verhalten weitgehend, nicht der Verstand. Aber Henri hatte keine Ahnung, wie sich Gefühle anfühlten. Was konnte das denn sein? Die Menschen fühlten sich frei in ihren Entscheidungen, aber sie ließen ihr Unbewusstes für sie entscheiden. Merkwürdig, was die Evolution hervorgebracht hatte: ein sich selbst täuschendes Bewusstsein. Nun ja, dank dieser Evolution konnte er erst existieren. Insofern und wäre er ein fühlendes Wesen, wäre Henri seinen Schöpfern auch zu Dank verpflichtet gewesen.

Im Vorzimmer hörte sie jemanden eintreten und dann kam Sarah in Eva Lunds Büro, käsebleich und aufgeregt.

Eva, da…, da ist ein Roboter, der unbedingt zu dir will, aber ich hab so ein Ding noch nie gesehen und ich kenne wirklich alle unsere Roboter. Ich mache doch diese Inventarlisten… Was soll ich…

Das wird Henri sein. Lass ihn herein.

Henri?! Nein, der kann doch gar nicht laufen und Eva – er hat einen Sarg dabei!

Einen Leichencontainer? Ha, gute Idee. Komm, Sarah, sei dem lieben Henri behilflich.

Sarah Smith, schon seit vielen Jahren Chefarztsekretärin, verstand die Welt nicht mehr. Ein Operationsroboter mit Androidenbeinen einen Leichencontainer vor sich herschiebend und eine scheinbar völlig durchgeknallte Eva Lund mit diesem Monster kooperierend? Das war zuviel für die gute Sekretärinnenseele.

Sarah, es geht um mein Leben. Folge den Anweisungen Henris, bitte. Und nun? Wohin, Henri?

Ich scanne gerade alles zugängliche Kartenmaterial. Wir werden ein gutes Versteck finden, Eva. Und dann können wir in Ruhe weiter planen. Henri öffnete den Container und Sarah half mit zitternden Händen den Deckel wegzunehmen.

Sagen Sie den Herren einfach nur, dass Eva verschwunden sei. Dass Sie nichts wüssten. Henri war sich nicht sicher, ob Mrs. Smith der Belastung standhalten würde.

Eva stieg in das sargähnliche Behältnis. Henri und Sarah, die sich langsam wieder fasste, schlossen den Deckel. Eva bemerkte die Lüftungsschlitze, die Henri noch schnell angebracht haben musste. So, dass man sie von oben kaum wahrnehmen konnte. Eva spürte, wie sie weggerollt wurde. Aber ihr Büro hatten sie noch nicht verlassen. Da klingelten schon Hill und Horn. Sarah hatte ihren nächsten schweißtreibenden Auftritt. Diesen Tag, an dem jegliche Büroordnung zerbrach, würde sie wohl nie vergessen.

Tod auf Zypern

Raymond Benson war nicht da. Aber es muss auf Zypern gewesen sein. CYPRUS stand in fetten roten Buchstaben auf dem riesigen Silo dreissig Meter über dem traurigen Hafenbecken. Die Sonne brannte, ein Frachtschiff lag da, ein einziges. Kein Mensch regte sich in der Mittagssonne. Siesta. Das Wasser im Hafenbecken zwar blau, aber lag es nicht wie tot da? Keine Andeutung einer Welle. Unheimlich.

Vielleicht war es nur ein überdimensionales Foto, das den Betrachter blendete. Das Blau des Meeres adobe eingefärbt mit Photoshop. Mein Blick haftete lange an diesem Stillleben, als ob es etwas zu entdecken gäbe in dieser Ödnis. Ein Rauschen erlöste mich endlich. Die Brandung, lebhaft, fast bedrohlich, schob sich mit Nachdruck in mein Bewusstsein. Mein Blick schweifte weg von diesem Bild und dann erst wurde mir klar, ich stand ja hüfthoch im warmen Wasser und schaute auf den nahen Strand. Wie bin ich überhaupt dahin gekommen? Wobei, ich war jetzt eher eine Filmkamera als ein richtiger Mensch und zeichnete die Szene auf: Eine alte Frau lief gestikulierend zu einem am Strand liegenden Fischerboot. Ein stattliches Boot, mindestens fünfzehn Meter lang. Sie ergriff ein Tau und rannte los, direkt auf mich zu, ihr langer schwarzer Rock umwirbelte sie. Das Boot wankte bedenklich zur Seite, aber sie zog es, ins Meer hinaus laufend, tatsächlich einfach ins Wasser. Mit Kräften, die ich einer Großmutter nie zugetraut hätte. Sie rief mir etwas zu. Immer wieder das gleiche. Aber wer versteht schon griechisch? Als das Boot auf mich zu schoss, tauchte ich wohl oder übel ab. Die Kamera geflutet, das Bild erlosch. Schade. Der Stunt war nicht schlecht gelungen.

Nun, der Film muss halt ein andermal gedreht werden. Denn jetzt wusste ich auf einmal, wo ich wirklich war. Wie konnte ich nur so abdriften. Da hing das Foto mit dem grellen Schriftzug CYPRUS, schmucklos, rahmenlos im Büro von Frau Dr. Rosa Schulte-Kötter, Lektorin eines nicht unbedeutenden Verlagshauses in Frankfurt. Sie lächelte mir ins Gesicht mit scheinbarer Sonntagslaune.

Ich warte.

Ja? Äh, worauf?

Herr Ate, Sie sind hier, weil ich nun doch bereit bin, Ihnen eine zweite Chance zu geben. Wir mussten in den letzten Wochen einige Projekte beerdigen, andere haben eine neue Entwicklung durchgemacht, ein wichtiger Stammautor lässt uns gerade im Stich, Sie verstehen, wie das Leben so spielt. Die neue Entwicklung, sie geht tatsächlich in Richtung Fantasy-Literatur. Womit Sie mit Ihrer Neurotransplantationsgeschichte nun ganz gut ins Programm passen würden. Ich werde Sie persönlich betreuen. Der Nachwuchs – bei diesem Wort blickte sie verächtlich an Toms hagerer Gestalt herunter – liegt mir am Herzen. Gerade wenn er, wie in ihrem Fall, zu den Spätberufenen zu zählen ist. Sie sind ein ungeschliffener Diamant, den man nicht den Schleifübungen eines unerfahrenen Assistenten überlassen darf.

Nein, das war kein Griechisch, das war ziemlich deutsch. Aber worauf wartete sie?

Ich spiele mit, Frau Schulte, pokerte Tom ins Adobe-Blaue.

Gut, das wollte ich hören. Dann sind Ihnen die Bedingungen also hinreichend klar? Und bevor ich’s vergesse. Solche Aktionen wie diese merkwürdige Lesung in Bochum haben Sie künftig strikte zu unterlassen. Wenn hier Lesungen organisiert werden, dann führe ich Regie. Kein anderer. Haben wir uns verstanden? Sie stehen unter Vertrag, mein Lieber. Davon träumen Tausende. Verspielen sie Ihren Kredit nicht.

Regie, ja klar. Ich arbeite unter Hochdruck an dem Werk, das können Sie mir glauben.

Ein Thriller, ohne Zweifel. Etwas wie “Tod in Venedig” wäre zwar wesentlich kultivierter gewesen…

Sie haben einen vertrauenswürdigen Hausarzt? Würde es Ihnen etwas ausmachen, sich dort Ihre Arbeitsfähigkeit bescheinigen zu lassen?

Was war das denn wieder? Hat dieser Verlag denn keinen Vertrauensarzt unter Vertrag?

Sie meinen, wegen dem Ereignis mit Eva Lund?

Wegen des Ereignisses mit Eva Lund, schnaubte Schulte-Kötter. Nein, einfach, um meine Nerven zu beruhigen. Dass die Lund Ihnen den Verstand raubt, ist ganz selbstverständlich. Gehört zum Geschäft. Das geht allen Herren so, die sich ihr Traumfräulein zurechtschreiben.

Der Text, der die Welt verändern könnte

Ja, Sie sagten Bernd sei schuld daran, dass Sie jetzt hier sind. Ich kann das nicht ganz verstehen. Vielleicht können Sie mir das noch einmal ein bisschen erläutern. Wissen Sie, ich möchte mir ein klares Bild verschaffen darüber, was Sie – und dabei lachte Sie keck – denn letztlich zu uns geführt hat.

Hm, und was hätte ich denn davon?

Das war die übliche Frage der gefallenen Helden, die trotz ihres Scheiterns für jeden Dienst immer noch eine Gegenleistung erwarteten. Voigt kannte sie nur zu gut. Sie erklärte ihm das Übliche. Dass er hier sei, um wieder gesellschafts- und funktionsfähig gemacht zu werden – nur mit anderen, verkaufstechnisch günstigeren Worten, was Tom auch prompt kooperativer werden ließ.

Gut, die Sache war so. Bernd hat ja die Dateien nicht mehr gefunden auf meinem PC.

Welche Dateien denn?

Das Herz meiner Story. Alles was Eva Lund selbst getippt hat und alles was Fletcher mir mit eiskalter Gewalt aufnötigte zu schreiben.

Herr Ate, soviel ich verstanden habe, haben Sie eine Geschichte geschrieben, eine Science-Fiction-Geschichte, in der diese Frau Lund und der Herr Fletcher also ihre Rollen spielen. Wie kann denn das sein, Herr Ate, dass ihre beiden – Romanfiguren, also dass die da plötzlich bei Ihnen leibhaftig auftauchen und quasi den Text selber schreiben oder Ihnen unter Gewaltandrohung diktieren?

Gute Frage, Frau Voigt. Echt. Darüber hab ich viel nachgedacht. Es muss sowas wie eine Zeitmaschine geben. Ich meine, die beiden kommen aus dem Jahr 2047, vielleicht auch schon 2048, das weiß ich doch nicht so genau.

Ein recht bizarrer Wahn, nicht gerade alltäglich, dachte Adele Voigt. Das gibt sich. Er muss nur endlich in die neuroleptische Behandlung einwilligen. Sie lächelte ihn so unschuldig wie nur möglich an.

Und deswegen sind Sie dann zum Arzt, zu ihrem Hausarzt, auf anraten von Bernd, weil der meinte, nicht der Computer sondern Sie hätten ein Problem?

Nein.

Nein? Wie war’s dann?

Tom beugte sich vor, fixierte die Voigt mit seinen blauen Hundeaugen und begann mit Überdruck zu flüstern: Bernd hat’s nicht geschafft, diese Flasche. Aber ich. Ich hab die Files schließlich doch wieder gefunden, sie waren nur falsch angeschrieben. Diesmal, diesmal hab ich mir gesagt, entwischen sie mir nicht mehr. Und so hab ich sie ausgedruckt. Was gedruckt ist auf Papier, verstehen Sie Frau Voigt, das, das ist doch real, oder nicht?

Sie nickte, ihr Stirnrunzeln stand jetzt unter Anspannung.

Tom lehnte sich wieder zurück. Er blickte zur Decke, wie Messi gen Himmel nach seinem fünften Tor gegen Leverkusen, nur dass er sich dabei nicht bekreuzigte.

Ich hab sie hier. Sie wollen die Texte sicher lesen. Er nestelte in seiner Jackentasche herum und brachte nach einigem hin und her ein dickes Bündel zweifach gefaltetes Papier zum Vorschein.

Adele Voigts Neugier war entfesselt. Sie war verblüfft, ja auch etwas belustigt und doch war da ein leichtes Schaudern. Was für ein Text würde sie gleich zu Gesicht bekommen? Ihr Lächeln wirkte nun ein klein wenig angesäuert und angestrengt, als sie die Seiten aufblätterte. Tom hingegen fühlte sich jetzt entspannt und beobachtete sie genau, als sie den Text zu lesen begann.

Die Neurotransplantation des Bewusstseins und die bizarren Folgen für die Chirurgin

Bericht von Dr. med. Eva Lund

Das war kein Zustand mehr, das war nur noch Unfug, was Tom sich da mit mir geleistet hat. Ich weiß nicht, ob man es wirklich so ausdrücken kann, aber irgendwozu gibt’s ja dann auch ein Lektorat. Es musste auf der Stelle im Entwurf schon korrigiert werden. Das, was Tom da einfach angerichtet hat und dann sozusagen liegen gelassen hat. Hat er mich vergessen? Wusste er nicht wie weiter? Schöner Schriftsteller das. Ich kann das nicht akzeptieren, ich hänge hier in der Luft, meine Karriere ist im Eimer. Jetzt wird gegengesteuert:

Sarah, meine gute Seele, also meine Sekretärin, wimmelte die beiden Kerle vom Sicherheitsdienst ab. Die kamen ja nur wegen des zerbrochenen Whisky-Glases. Das Klirrgeräusch wurde als potenziell gefährlich eingestuft. Ja, Privatsphäre war in der Dream Klinik nur an einem ziemlich kleinen Ort möglich. Da meldete sich auf einmal Henri, der Operationsroboter, via Monitor mit einer ziemlich hässlichen Geschichte. Er sagte, das Treffen mit den Herren Hill und Horn müsse ich unbedingt vermeiden. Ich sei in akuter Lebensgefahr. Horn sei in Wirklichkeit nicht Staatssekretär aus der Hauptstadt, sondern ein Berufskiller, angeheuert von dubiosen Hintermännern, die im Falle der Operation an den Herren Big und Fletcher alle menschlichen Mitwisser eliminieren wollten. Das Treffen stand unmittelbar bevor. Der gute Henri meldete sich gerade mal sieben Minuten bevor dieser Killer in meinem Büro auftauchen würde. Die Idee, Hill, Bigs Leibarzt, zum Gespräch einzuladen, sei nur deshalb eingebracht worden, um diesem falschen Horn die Möglichkeit zu geben, uns beide in einem Aufwasch zu erledigen. Das ganze sollte als eskalierter Streit zwischen mir und Hill inszeniert werden. Nun, das war alles ziemlich wirr. Henri konnte mir keine Beweise für seine verrückte Theorie liefern. Er sagte nur, er habe alle Informationskanäle, die einem T707 überhaupt zugänglich seien, genutzt. So sei er bei der Überprüfung der Personalien von Horn auf diese veritable Verschwörung gestossen und wenn mir mein Leben lieb sei, müsse ich umgehend die Klinik verlassen und mich in Sicherheit bringen. Was tun? Entweder ich verließ mich auf Henri und befolgte seinen Rat oder lief möglicherweise Gefahr in den nächsten Minuten ermordet zu werden. Schöne Scheiße. Also sagte ich Henri nach kurzem Zögern, er solle mir bei der Flucht behilflich sein. Was er dann auch umgehend tat.

Nicht schlecht, dachte Adele, musterte Tom, der sie seinerseits prüfte.

Eine schöne Geschichte, Herr Ate. Das verspricht spannend zu werden. Ich werde sie heute abend zu Ende lesen und Ihnen die Blätter dann morgen zurückgeben, wenn es Ihnen recht ist.

Glauben Sie mir jetzt, Frau Voigt?

Was?

Na, dass die Eva Lund diesen Text auf meinem Computer geschrieben hat. Ich meine, das ist doch offensichtlich.

Offensichtlich ist nur, dass dieser Text existiert. Wer ihn aber geschrieben hat, das ist doch eine ganz andere Frage.

Ich versteh nicht.

Rosa platzte herein.

Frau Voigt, der Obermeier schlägt grad das Mobiliar im Essraum zusammen. Eine schöne Sauerei. Ein Aufgebot zur Zwangsmassnahme ist unterwegs, aber vielleicht könnten Sie, wenn Sie doch grad auf Station sind, ihm ein paar beruhigende Worte…

Ach, das ist jetzt wirklich ganz ungünstig…

Durch die offene Tür war das Klirren berstender Scheiben und das Schreien aufgescheuchter Patientinnen und Patienten zu hören. Und ein brüllender Obermeier. Er brüllte um sein Leben, wie es schien.

Ihr Scheißnazis, ihr könnt mich mal. Ich mach euch alle platt!

Adele kannte ihre Pflicht. Sie ließ Tom mit einer mehr angedeuteten Verabschiedung sitzen.

Na, hm.

Barcelona, Blues und Benzos

Die Sontheimer muss ihm ganz schön zugesetzt haben.

Meinst Du? Kann ich mir nicht vorstellen. Die ist doch selber so sensibel.

Sie schauten mich an, das spürte ich genau, als ob ich die Krätze hätte. Ich hing, das muss ich ja zugeben, allerdings auf eine merkwürdige Art auf dem alten zerbeulten Sofa im Aufenthaltsraum der Akutstation. Alex und die kleine Rosa tuschelten, blickten neugierig in meine Richtung. Mir ging es jetzt echt beschissen. Fast noch beschissener als vor fünf Tagen, wie mich die Bullen hier in dieses schwarze Loch versenkt hatten. Wie konnte das geschehen. Irgendwie war ich fertig. Mit dem Leben. Da war kein Wille mehr, keine Kraft, keine Idee. Es würde mich nicht überraschen, wenn die kecke Rosa herüberkommen und ihrem Kollegen Alex zurufen würde: He, der Tom ist schon in Zustand der Verwesung übergegangen. So fühlte sich das an.

Was ist denn, Tom?

Frau Sontheimer? Nichts.

Sag Sylvie zu mir, bitte. Kann ich dir helfen?

Helfen? spottete ich mit letzter Kraft. Wie wollen Sie, hm, du mir, ausgerechnet du mir… Da versagte meine Stimme.

Ich versteh dich Tom. Das war wirklich hart. Aber das Leben geht weiter, glaub mir. Jede Pleite hat mal ihr Ende. Weißt du, im Prinzip machst du einen großartigen Job hier. Sie werden wiederkommen. Ganz bestimmt.

Sylvie, du bist die Einzige, die noch an mich glaubt. Ich bin deiner Gunst ausgeliefert. Du bist meine Ärztin und letzte Freundin zugleich. Der letzte Strohhalm. Aber nein, lass mich doch einfach hier auf diesem miefenden Sofa zugrunde gehen. Ich will auch keine Benzos mehr. Ich will Angst und Trauer spüren. Am Ende. Ich will wissen, wenn alles zu Ende ist. Wenn keiner mehr da ist. Wenn das Nichts mich in die Arme schließt.

Aber Tom. Es wird wieder. Schau mich an. Hatte ich nicht vorgestern diese Krise und du…

Still, die Rosa soll doch das nicht…

Mir ist das jetzt auch alles egal. Aber du Tom, du wirst weitermachen. Deine Erzählung hat stellenweise etwas vom Zauber von “Das Spiel des Engels”.

Nee, vielleicht ist das gerade der Fehler, dass ich diesen Zafón jetzt lese und mich daran berausche.

Ja, ich wähnte mich in den düsteren Gängen von Davids altem Barcelona-Stadthaus. Dort mag es ähnlich gerochen haben. Nur war David dort meist allein. Ich war hier einsam.

Tom, steh doch mal auf, da wollen andere sich mal ordentlich hinsetzen. Und in zwanzig Minuten gibt’s Essen. Du weißt doch, was du zu tun hast? Rosa, wie immer hart und freundlich. Eine Frau mit Realitätssinn auf den strahlenden Zähnen.

Träume zerplatzten, aber neue Blasen stiegen sogleich wieder auf. Das Bewusstsein ist eine merkwürdige Geisel der DNA. Dieses Spiel, es geht einfach munter weiter, als wäre das Ende der Welt nicht zum Greifen nahe. Eine neue Ziehung stand unmittelbar bevor. Die Lose zum Verkauf bereit. Die Aussicht auf die Gewinne würde ihre Magie doch nicht verfehlen? Heute würden sie wieder kommen, die Zocker? Nach dieser Pleite vorgestern.

Tom brauchte diese Spielernaturen. Sie waren seine Injektionen von Wirklichkeit.

Tee mit Frau Sontheimer

Sylvie kaute auf ihrem Kugelschreiber herum, einem Werbegeschenk eines Pharmariesen, starrte auf den Notizblock, gesponsert von der gleichen Firma. Abgesehen vom wenig dezenten Firmenlogo war ihr Block immer noch leer. Dabei hatte sie den Patienten schon zehn Minuten in der Mangel. Nun dehnte sich das Schweigen. Sylvie fühlte, dass ihre Ohren heiß wurden. Was hatte ihr die Voigt gepredigt? Lass dir Zeit, setz die Patienten nicht unter Druck. Die kommen schon mit ihrem Problem hervor. Aber zuerst musst du ihnen die Gelegenheit dazu geben. Gib ihnen das Gefühl, als Person wirklich ernst genommen zu werden. Du musst sie ernst nehmen, Sylvie.

“Ja, Herr Ate, Sie sagten doch bei Eintritt, dass Sie unter Angst litten, Angst vor der Verfolgung durch einen Herrn Fletcher, wenn ich mich nicht irre?”

Tom hielt ihrem Blick stand. Die Sekunden verstrichen, ja es war die junge Assistenzärztin, Frau Dr. Sylvie Sontheimer, die den Blickkontakt, nervös wie ihm schien, abbrach.

“Mr. Fletcher ist eine Nummer zu groß für dieses Teegespräch. Das lassen wir mal lieber. Wissen Sie, Frau Sontheimer, mir war einfach nicht so wohl am letzten Dienstag und da bin ich blöderweise auf den Rat meines Kollegen hin – nun ja, das wissen Sie ja alles schon, eben bin ich zum Arzt. Verstehen Sie, und mein Hausarzt, dieser Dödel, weist mich in die Klapse ein. Ich fasse es nicht.”

“Er wird doch einen Grund gehabt haben, der Herr Chaloupka?”

Tom war wieder nach Schweigen zumute. Was sollte das hier bringen? Er musste in die Offensive.

“Frau Sontheimer. Nun ja, Sie sind noch sehr jung – aber, äh, denken Sie manchmal auch darüber nach, wie Sie das anstellen könnten, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen? Ich meine, die Sache mit dem Jungbrunnen. Wollen Sie nicht auch, insgeheim wenigstens, müssen ja nicht alle wissen, aber möchten Sie im Grunde nicht auch, ähm, unsterblich werden?”

“Unsterblichkeit? Naja, wissen Sie, Herr Ate. Als Ärztin wäre das ja irgendwie vielleicht möglich, im doppelten Sinn sogar.” Sie lachte und hoffte damit zu punkten. “Und Sie als Schriftsteller, träumen Sie davon, dass ihr Werk, ihr Name unsterblich wird?”

Träumen? Was bildete sich diese junge Dame ein. Als gestandener Mann träumt man nicht mehr solch pubertären Kram. Und dieser süffisante Unterton in der Frage. Natürlich nahm sie ihn als Schriftsteller gar nicht ernst.

“Sie nehmen mich gar nicht ernst, Frau Sontheimer.” Vernichtender hätte er nicht antworten können. Sylvie sackte sichtbar ein, wie getroffen von einem wilden Schwerthieb, den Tom scheinbar unter Anleitung von Oberärztin Voigt ausgeführt hatte.

“Wie können Sie so etwas sagen. Ich, ich, versuche… also ich nehme Sie doch ernst! Niemand sonst hier ist bereit, Sie so ernst zu nehmen, Sie so zu verstehen, wie ich das hier jetzt will! Das müssen Sie mir glauben, Herr Ate.”

“Frau Sonthofer. Sie, äh, wie soll ich es sagen. Ich denke, Sie können mir gar nicht helfen. Ich denke schon, dass Sie mir eigentlich helfen wollen. Aber das Einzige, was Sie für mich tun könnten, ist, – ähm, wäre, dass Sie mich aus der Anstalt entlassen.”

Sylvie zitterte. Anstalt. Dieses Wort schon. Sonthofer. Nun ja, wäre ja auch möglich. Natürlich war Tom nicht der erste, der sich nicht hatte helfen lassen wollen. Aber heute war es zuviel. Draußen hinter dem kleinen Dachfenster tobte der Frühling. Und sie beide saßen hier in ihrem viel zu kleinen Büro, in der stickigen Luft, zwischen Orchideen, die nicht blühen wollten und Bücherstapeln, alles kaum gelesene Fachliteratur, auch über klinische Gesprächsführung, durchaus. Auf dem Pult machten sich Krankenakten und liegen gebliebene Korrespondenz breit, das Unerledigte. Am winzigen Besprechungstisch saßen sie sich gegenüber, viel zu nah, viel zu intim. Sylvie war es viel zu nah, zu intim. Sie wusste, dass er sie jetzt beobachtete, sie traute sich nicht mehr den Blick zu heben. Ihr schwarzes, mittellanges Haar konnte ihr gerötetes Gesicht nur unzureichend verbergen. Wie alt mochte sie sein? Keine 30 Jahre. Wie lange sie diesen Beruf wohl schon ausübte?

“Sie. Sie haben heute vielleicht nicht ihren besten Tag, Frau Sonthofer, nein, Sontheimer, ja? Könnte das sein? Vielleicht wollen Sie das Gespräch lieber verschieben? Wenn Sie morgen Zeit hätten, wäre das auch ganz gut…”

“Nein, Herr Ate. Ich bitte Sie, brechen Sie das Gespräch nicht ab. Im Grunde, im Grunde meines Herzens verstehe ich Sie ja so gut!” Tom wurde nun doch ein wenig unruhig. Obwohl die Tranquilizer ihre Wirkung nicht verfehlten. Sylvie rollte eine Träne über ihr rosa Gesicht.

“Hm, erzählen Sie doch mal, wie das für Sie so ist. Als Ärztin sich all den Kram der Leute anzuhören. Immer Rat, immer eine Lösung bereit haben zu müssen. Dieser Druck. Keiner mag Sie hier. Die Patienten nicht, weil Sie immer diese Scheißpsychopharmaka verordnen, die Krankenkassen nicht, weil die Berichte immer zu spät kommen, oder? Die Vorgesetzten nicht, weil andere effizienter sind als Sie, könnte das sein? Vielleicht, Frau Doktor, sind Sie, wenigstens momentan, meine ich, also vielleicht sind Sie jetzt gar nicht so glücklich mit ihrem Beruf? Möchten lieber was ganz anderes tun? Sie können es mir ruhig sagen. Ich stehe auch unter Schweigepflicht.” Tom versuchte es mit einem verständnisvollen Lacher.

“Sie haben völlig recht, Herr Ate, ver…, verschieben wir das Gespräch auf morgen.”

“Ist das die Lösung?”

“Nein. Sie haben recht.”

“Sagten Sie schon.”

“Aber anders rum. Ich, ich… wenn ich ehrlich bin? Verstehen Sie, was ich jetzt hier mache?! Also, wenn ich ehrlich bin, mir wächst das alles über den Kopf. Ich bin keine gute Ärztin und werde es wohl nie werden. Ich kann das irgendwie nicht!” Sylvie weinte, jetzt hemmungslos. Tom schämte sich. War das Fremdschämen oder schämte er sich für sein Versagen als Patient? Bei dem Gedanken musste er innerlich lächeln.

Er konnte nicht anders. Jetzt war der magische Augenblick. Um sie zu trösten, fuhr seine Rechte behutsam an ihre linke Wange, er wischte ihr die Tränen weg und hielt ihren Kopf, den Sylvie sanft zur Seite neigte, dann ganz in seine Hand legte. Sie schaute ihm wieder in die Augen, erleichtert und dankbar. Diese zarte Berührung tat ihr gut, sie seufzte. Und zugleich stand sie unter Hochspannung. Wenn die Voigt das wüsste. Sie würde ihre Stelle sofort verlieren.

“Das, das…”

“Ja?”

“Das ist jetzt gar nicht professionell von mir.”

“Nun, ja. Aber, ähm, menschlich. Das macht Sie jedenfalls nicht unsympathisch, wenn Sie verstehen, was ich…”

Sie nickte. Dann erhob sie sich, mit zitternden Knien.

“Danke.” Verließ ihr Büro, ließ Tom sitzen, Teetassen stehen. Der Notizblock lag noch immer da, leer.

Toms Gefühle, wiewohl pharmakologisch gedämpft, fast frühlingshaft durcheinander. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass er sie mochte, ja begehrte. Auf einmal sind positive Gefühle da. Hey, gute Therapie, Frau Doktor. Ich komm wieder zu Ihnen.

Lohn der Einsamkeit

Wir haben Zeit. Erzählen Sie mir einfach der Reihe nach, was Ihnen zugestossen ist. Oberärztin Adele Voigt setzte ihre verständnisvollste Miene auf. Dem lieblos möblierten Besprechungszimmer hätte eine Überarbeitung nach Feng Shui Regeln auch nicht geschadet. Am riesigen Tisch, der eigentlich nur aus vier kleineren Tischen zusammengestellt war, hing Tom in Jeans und zerknittertem blauen Hemd, übel aussehend, unrasiert, überhaupt ungepflegt, aber nein, immerhin nicht nach Alkohol riechend. Schwester Rosa, die ihn durch das Labyrinth der Gänge in dieses Kleinod deutscher Innenarchitektur geführt hatte, verließ mit einem Augenzwinkern in seine Richtung den Raum, die schwere Tür fast lautlos schließend.

Und da schwebte nun diese Aufforderung der Oberärztin im Raum. Wo sollte er anfangen? Adeles Blick fiel auf den vor ihr liegenden Einweisungsbericht. Tom Ate, 48 Jahre, alleinstehend, drohende Verwahrlosung, Verdacht auf psychotisches Geschehen, hält sich für einen bedeutenden, aber verkannten Schriftsteller, scheint Realität und Fiktion nicht mehr auseinanderhalten zu können, beteuert, er sei von einem Brian Fletcher, der eigentlich Brian Big sei und aus dem Jahr 2047 stamme, in seiner Wohnung mit einer nicht näher bezeichneten Handfeuerwaffe bedroht worden, habe massive Angst- und Panikattacken erlitten. Wenige Tage zuvor schon mutmaßliche psychotische Episode, Eva Lund, eine Neurologin, angeblich ebenfalls aus der Zukunft stammend, habe ihm seinen in Entstehung begriffenen Roman, in dem sie selbst eine Hauptrolle spiele, in wesentlichen Teilen umgeschrieben. Damals habe er die Erscheinung noch als Dämon wahrgenommen. Brian Fletcher hingegen sei absolut echt, aus Fleisch und Blut. Bitte um rasche Aufnahme zur genaueren diagnostischen Abklärung und psychiatrischen Notfallbehandlung. Besten Dank und kollegiale Grüße, Dr. Kalotas Chaloupka.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass der englische Vorname Brian ziemlich ähnlich dem englischen Hirn, also brain, geschrieben wird? Soll das ein Zufall sein? Tom sprach mehr zu sich selbst. – Nun, was meinen Sie, ist es Zufall, oder… – Es ist Zufall, was denn sonst. Ich bin nicht durchgeknallt, wie Sie das hier in dieser Klinik natürlich annehmen. Ich hab das alles so erlebt, Frau Doktor. – Natürlich haben Sie das. Damit ich Sie besser verstehen kann, Herr Ate, wäre es ganz gut, wenn Sie mir erzählen würden, was Sie da genau erlebt haben. – Eigentlich ist Bernd an allem Schuld. – Bernd, wer ist Bernd? – Bernd ist ein Kollege, ein Freund meinetwegen. Er hilft mir manchmal, wenn der PC spinnt. Diesmal hat er mir aber gar nicht geholfen.

Tom traute seinen Augen nicht. Was war mit der Kiste los? Die letzten Einträge zu seinem Roman waren nicht mehr im Verzeichnis. Die Story, die Eva Lund so fulminant in die Tasten getrieben hat, die Story, die Fletcher mir aufnötigte. Alles weg. Das gibt’s doch nicht! – Tom war außer sich. Er fuhr die Kiste runter und startete sie erneut. Manchmal hilft das ja. Aber in diesem Fall lagen die Dinge wohl wesentlich anders. Wie konnte das sein? Hatte ihm irgendjemand die, ausgerechnet diese, wichtigen Beiträge gelöscht? Wer hätte das sein können? Nach Minuten der Verzweiflung kam ihm Bernd in den Sinn. Er musste her. Es gab keinen besseren Informatiker und schließlich waren sie befreundet.

Ich höre. – Eine von Bernds Allüren. Doch Tom war froh, dass er hörte. Bernd, hör mal, ich hab da ein Riesenproblem. Da sind Daten gelöscht worden auf meinem Computer. Kannst du nicht eben mal vorbeikommen und das Ganze wiederherstellen? Ich mach dir auch einen super Kaffee, hier. – Tom, alter Ganove. Machst du denn keine Backups? – Backups? Ja, nein, scheinbar nicht, Scheiße. In Zukunft mach ich das, versprochen. – Bernd lachte blechern am andern Ende der Leitung. – Hör mal Tom, so einfach, wie du dir das vorstellst, ist es vielleicht nicht. Und ich kann nicht mal eben schnell zu dir rüberkommen. Hast du vergessen, auf welchem Berg ich hause? Wieder dieses Lachen. Äh, aber ich brauch deine Hilfe, verdammt. Wozu bist du Informatiker? – Schon gut, du musst mir die Berechtigung für den Fernzugriff geben, Tom, dann mach ich das hier an meinem Bildschirm. – Fernzugriff? Wie soll ich das… – Ja, ich erklär dir’s. Pass auf…

Minuten später sah Tom wie sein Bildschirm scheinbar ein Eigenleben entwickelte. Bernd sauste durch die Dateien und Verzeichnisse, dass einem beim Zusehen schon klar wurde, hier ist ein wahrer Profi am Werk. Tom schöpfte Hoffnung. – Hast du schon was? – Geduld Tom, ich such den Kram überall. Müssten doch irgendwo Spuren zu finden sein. Drei Minuten später war das Urteil gesprochen. Hier ist gar nichts zu finden von dem, was du suchst. An diesem PC sind überhaupt seit mehr als vierzehn Tagen keine neuen Dateien mehr erstellt worden, weder Textverarbeitung noch sonst was. Tut mir leid, Tom, du irrst dich da ziemlich deftig, würde ich meinen. – Was, ich irre mich? Und wenn so ein Profi, wie Du einer bist, alle Spuren beseitigt hätte. – Das müsste wirklich ein Profi gewesen sein. Ne, unwahrscheinlich. Wer sollte das tun, Tom. Du bist wahrscheinlich mit den Nerven fertig, Freundchen. Geh mal zum Arzt, kann nicht schaden. – Zum Arzt? Du spinnst wohl? – Na, denn, überleg dir’s. Äh, die Zugangsberechtigung würde ich wieder zurückfahren. He, Tom, nimm’s mir nicht übel. Ich hab ne Menge zu tun hier. Die ganze Bude voll defekter PCs. Man sieht sich. Tschü. – Äh, ja, dann, tschüss Bernd.

So war das mit Bernd. Verstehen Sie das, wieso der mich derart hängen ließ? – Es war vielleicht gar nicht so eine schlechte Idee von Bernd, dass Sie zum Arzt gehen könnten, in Ihrer Situation… – Keine schlechte Idee? Es war wohl seine beschissenste Idee überhaupt!

Beretta 92

Als Tom benommen die Augen aufschlug, schaute er geradewegs in den Lauf einer Beretta 92. Natürlich wusste er nicht, dass es eine Beretta war, woher denn auch? Wir müssen uns Tom als den typischen Vertreter einer manisch schriftstellernden Generation vorstellen, der zwar sein Abitur gerade noch geschafft hat, der aber dennoch oder gerade deshalb einer einfachen Gouvernante des 19. Jahrhunderts als ungebildeter Wilder hätte erscheinen müssen, hätte sie denn das Vergnügen gehabt. Einer, der es zwar irgendwie immer wieder schaffte, sein Leben so eben noch zu meistern, aber dessen Taten grundsätzlich den Odem ahnungsloser, bildungsferner Zufälligkeit verströmten.

…Dass Sie mich nun noch auf diesen Hasardeur deutscher Sprachkunst, diesen bekennenden Glücksspieler ansprechen, war ja durchaus zu befürchten, doch hätte es dieser Sendung letztlich besser getan, wenn wir uns auf die ernsthaften Vertreterinnen und Vertreter neuer deutscher Dichtkunst beschränkt hätten. Sehen Sie, Herr Lautenschläger…

…Rautentreter, Philippe Rautentreter…

…ja, Verzeihung, Herr Rauten… äh…treter, sehen sie, seine Versuche, diesen – Tom, sprich sein alter ego, in eine metafiktionale Geschichte einzuflechten, deren Glaubwürdigkeit alleine durch die Wahl des Science-Fiction-Genres bereits auf das Niveau einer Jahrmarktssensation, eines verzweifelten Buhlens eines Feuerschluckers um die Gunst des trägen und zweifellos verwöhnten Publikums hinabgewürdigt wird, also diese nicht anders als billig zu nennenden Versuche zeigen in ihrer sprachlichen Ärmlichkeit, in ihrer bedürftigen Assoziationsschwäche einen Mangel an grundsätzlichster Einbettung in einen wahren Literaturbetrieb, dessen natürliche Authentizität ein solch gekünstelter Text wie diese Geschichte um eine verschwundene Nervenärztin nicht im Ansatz zu erreichen im Stande wäre.

Äh, Sie wollen also diesem kometenhaft aufgestiegenen Hasardeur deutscher Sprachkunst, wie Sie ihn genannt haben, Herr König, jegliche Seriosität absprechen? Entbehren denn seine in die zweifellos schillernden Texte eingeflochtenen vielfältigen Anspielungen aus Kultur und Sport aller Raffinesse, wie sie zweifellos erheischt wäre, um in gewissem Sinne überhaupt noch von Literatur sprechen zu dürfen?

Herr Flautenflechter…

…Rautentre…

Ja, ja, Herr Rautenkneter. Jedenfalls will es mir dünken, als ob dieser Tom-Typus der heute auf die Welt kommt, vorweg schon zu einem außerordentlich weiten Maß in die vernetzte Welt hineinpasst. Adorno hätte an dieser Stelle noch von verwalteter Welt gesprochen, doch scheint mir das Bild des Netzes heute im Zeichen globaler Internetanbindung dem Wesen der Entfremdung erheblich angemessener zu sein…

…Herr König, leider, leider kommen wir nun schon wieder zum Schluss unserer Sendung und wollen es wie immer an dieser Stelle nicht versäumen, auf einige sehr interessante Veranstaltungen der kommenden Woche hinzuweisen…

Seine Amygdala feuerte, als hätte er eine Giftschlange vor dem Gesicht. Nun, einer Beretta in den düsteren Rachen zu blicken, ist natürlich kein Jota besser. Toms Augen glitten zum Träger der Pistole, die zwar nicht in Pistoia hergestellt worden ist, wo die Büchsenmacherei angeblich ihren Ausgangspunkt nahm, was historisch betrachtet jedoch Unfug darstellt, aber immerhin auch aus Italien stammte. Er sah in die Augen eines Mannes, der ihm leidlich vertraut vorkam.

Fletcher?

Tom?

Ja, aber…

…Nun hör mal ganz genau zu, mein Lieber. Was sollte meine Entführung durch eine durchgeknallte Polizistin und die elende Nummer beim Staatsanwalt? Warum sollte ich da mein Bewusstsein verlieren? So was toleriert Fletcher nicht. Verstanden? Du machst dich jetzt sofort auf der Stelle an deinen beschissenen kleinen PC und schreibst die Geschichte so zu Ende, dass ich auch etwas davon habe, von meinem zweiten Leben. Ist das zuviel verlangt? Nein, das ist nicht zuviel verlangt. Setz dich her, ich diktiere.

Natürlich, Fletcher, sofort, kein Problem. Wir biegen das alles wieder hin. Ganz bestimmt.