Sollen wir da rein gehen? fragte die kleine Frau ihren Begleiter, der das Plakat eben noch überflog. „Ein Thriller aus den Jahren 2047 bis 2051: Dr. Eva Lunds Bekenntnisse. Roman von Tom Ate. Dichterlesung im Brooklyns.“ Ein von Hand geschmierter Zettel auf dem Plakat, dessen Hintergrund ein überdimensionales menschliches Gehirn zierte, ergänzte: „Heute, 20 Uhr im blauen Saal.“ Er nickte, Gehirne interessierten ihn leidlich und der offensichtlichen Neugier seiner kleinen Frau wollte er nicht im Wege stehen.
Der Saal des Brooklyns war viertelvoll, beinahe dreißig Gäste hatten sich eingefunden, obwohl das Champions League Spiel der Borussia Dortmund lief. Licht war nur in der Mitte des Raums, so dass dieser sich an den Rändern im Dunkel aufzulösen schien. Vor den Stuhlreihen stand ein langer Tisch, an dem gut sieben Leute eine Podiumsdiskussion hätten abhalten können. Es war genau 20 Uhr, aber Tom war noch nicht da, das Podium leer.
Bea wurde unruhig. Die Lesung war ihre Idee. Sie hatte alles organisiert, hatte Tom dazu ermuntert und ihn angehalten, unbedingt genug Material für eine Stunde beisammen zu haben. Selbstredend war auch Presse da. Fürs Feuilleton der Qualitätspresse reichte es zwar nicht. Aber Heinz Neuwerth, Volontär der Bochumer Zeitung, würde seinen ersten Bericht überhaupt verfassen und in der Rubrik Lifestyle platzieren. Wie aufregend.
20.07 Uhr. Niemand auf dem Podium. Die Leute begannen sich umzusehen, zu tuscheln. Bea nagte auf der Unterlippe. Bob Macha war da, hockte tatsächlich auf einem dieser unbequemen Holzstühle, seinen face2buns vermissend. Sonst schien ihm alles egal zu sein. Er blickte so ausdruckslos aufs leere Podium wie Bill Murray ins volle Whiskyglas.
20.13 Uhr. Wann kommt denn der Dichter? fragte die kleine Frau ihren Begleiter immerhin so laut, dass fast die Hälfte der Leute es hören konnte. Und prompt sorgten Spiegelneurone in den Hirnen der Leute für mehr Unruhe. Füße scharrten, Kehlen räusperten sich, Blicke suchten, Stühle knarrten.
Und dann kam er. 20.17 Uhr. Aus dem Nichts ins Licht geschritten war Tom plötzlich da, seine losen Manuskriptblätter in der Hand. Er zitterte, so aufgeregt war er. Der Plan war unmöglich und er musste ihn sofort ändern. Er schmiss die Blätter auf den Tisch, setzte sich und begann:
Meine Damen und Herren, das Gehirn. Das Gehirn, einfach das Gehirn. Es ist Leitmotto unseres Abends, den ich das Vergnügen habe, mit Ihnen teilen zu dürfen. Seien Sie willkommen und sehen Sie sich vor. Es wird brutal werden. Ihr Hirn wird kochen. Vergessen Sie den Roman, vergessen Sie Eva Lund. Sie ist verschwunden, damals nach der legendären Hirnoperation. Nein, ich werde Ihnen nicht von einer schier endlosen Suche nach ihr berichten. Ich werde von uns hier und heute sprechen, von unseren Hirnen!
Doch zunächst möchte ich Ihnen zeigen, dass die Welt mit menschlichen Gehirnen keine Zukunftschancen haben kann. Sehen Sie. Tom sprang auf und rannte zum Flipchart rüber. Mit dickem schwarzem Filz malte er: Bevölkerungswachstum x Motivation x Technologische Entwicklung auf Basis der Ausbeutung fossiler Energieträger (= gespeicherte Sonnenenergie) x Zufälle = Logik der Zerstörung. Ich muss Ihnen das erklären. Natürlich. Sie alle wissen was Bevölkerungswachstum heißt. Tom blickte herausfordernd ins leicht unruhige Publikum. Die rhetorische Pause nutzte prompt jemand für den Zwischenruf: Wollen Sie uns hier irgend so ein politisches Gedöns verklickern? Ich will Unterhaltung, keine Politik, verdammt. – Sie werden gleich unterhalten, meine Damen und Herren. Ich will nur, dass wir uns nicht missverstehen, okay? Gehen wir zum nächsten Ausdruck: Motivation. Das hat nämlich immer jeder falsch verstanden, mit dem ich bisher gesprochen habe. UND GENAU DESHALB WILL ICH, DASS SIE DAS JETZT KAPIEREN. Nehmen Sie mal an, Sie seien bei allem was sie so tun und lassen von psychischen Rückkopplungen im Hirn abhängig, die Ihnen sagen, ob sie das, was Sie tun oder lassen, tun oder lassen sollen. Ein Subsystem das den Erfolg des Tuns und Lassens misst. Nicht kognitiv. Sie brauchen nichts zu denken. Verstehen Sie. Sie fühlen es nur. Sie fühlen es! Und was Sie fühlen, ist die Begleitmusik der ganzen unbewussten motivationalen Mechanik in Ihrem Gehirn, verstehen Sie? Wenn Sie neugierig auf etwas sind und deshalb irgendwo hin gehen, wo Ihnen Befriedigung gegeben werden könnte. Könnte. Ja, dann hat der Hirnstoffwechsel dafür gesorgt, dass ein Defizit in einem Regelkreis, also ein Fehlersignal, abgebaut worden ist. Ihr Hirnstoffwechsel ist dann wieder im Gleichgewicht. Homöostase nennt man das. Haben Sie sicher schon gehört. Wir tun alles nur für diese Homöostase. Wenn Sie das begreifen, meine Damen und Herren, dann brauchen Sie nie mehr einen Psychiater, nie mehr Antidepressiva. Nein. Sie begreifen dann, dass das Defizit, was sie fühlen, dieses Gefühl, nur ein Fehlersignal ist. Ihr Hirn bügelt das normalerweise aus. Und das fühlt sich dann gut an. Wir leben, um uns gut zu fühlen! Nicht um zu denken. Wir denken nur, um uns noch besser zu fühlen. Nur geht das meistens schief. Meine Damen und Herren. Denken ist Glückssache. Denken kann nicht schlauer als Neurotransmitter sein. Das müssen Sie mir glauben. Der Hirnstoffwechsel funktioniert seit hunderten von Millionen Jahren. Denken, haha, Denken, das ist ein ganz neues Werkzeug der Evolution. Noch völlig unreif. Muss durch die Selektionskräfte erst geschärft werden. Ich hoffe, Sie verstehen, was ich sagen möchte!? – DU solltest erstmal Denken bevor du deine vorlaute Klappe öffnest, Tom. Das war Bob, mit steinernem Gesicht. Ein Raunen ging durch den Saal. Tom ignorierte Bob. Schauen Sie jetzt unsere Formel an. Die stetig wachsende Bevölkerung multipliziert mit den unbewussten Motivationen, den BEDÜRFNISSEN. Immer mehr wollen immer mehr. EINFACH WEIL SIE ES SO FÜHLEN. NICHT WEIL SIE DENKEN. DIE GEFÜHLE, DIE EVOLVIERTEN GEFÜHLE WOLLEN EWIGKEIT, WOLLEN MEHR, MEHR, MEHR. Und wer gibt ihnen mehr? Hä? Eine Ahnung? Schauen Sie sich die Gleichung an, verdammt! Die Technik. Wieder wird man einwenden, das ist das Denken. NEIN, TECHNIK IST KEIN DENKEN. TECHNIK IST EIN SELBSTLÄUFER DER EVOLUTION. DANK DEN FOSSILEN BRENNSTOFFEN, DIESEN RIESIGEN ENERGIERESERVEN, IST ES EIN LEICHTES, EIN GESELLSCHAFTLICHES SUBSYSTEM AUßER RAND UND BAND LAUFEN ZU LASSEN. TECHNIK VERSELBSTÄNDIGT SICH. ATOMKRAFT, ATOMBOMBE, WASSERSTOFFBOMBE. HIROSHIMA. FUKUSHIMA. ROBOTER, ANDROIDE. KÜNSTLICHE INTELLIGENZ. POSTBIOTISCHES BEWUSSTSEIN. Haben Sie eine Idee, was da auf uns alles zukommt? – Alles wird wieder gut! – Schon mal Ovid gelesen? Auch Maltus hat vor 200 Jahren nicht recht behalten! – Technischer Fortschritt, meine Damen und Herren, beruhigen Sie sich doch ein bisschen, technischer Fortschritt wird von den einen als Lösung der Probleme glorifiziert. – Noch nie ging es so vielen Menschen so gut und auf derartig hohem Niveau (HDI)! – Die Zwischenrufe wurden häufiger, lauter, gehässiger. Tom ignorierte sie. WISSEN SIE WAS DER MENSCH HEUTE NOCH IST IM RAHMEN DER ENTFESSELTEN TECHNIK? ER IST ZUM NÜTZLICHEN IDIOTEN GEWORDEN! ALS VERBRAUCHER MUSS ER SEIN AUTO AUSFÜHREN GEHEN, MUSS IHM NAHRUNG MIT DEM SCHLAUCH IN DEN SCHLUND STOPFEN UND DAFÜR VIEL BEZAHLEN. ER MUSS SEIN SMARTPHONE STREICHELN, STUNDENLANG MUSS ER AUF DEM ZU KLEINEN BILDSCHIRM IRGENDWELCHE SCHEIßE EINTIPPEN, MUSS SICH MIT DEM BESCHISSENEN SMARTPHONELAUTSPRECHER IRGENDEINE INDUSTRIELLE LÄRMKULISSE ANHÖREN, WEIL ES EIN HIT IST, MUSS URLAUB AUF BALLERMANN MACHEN, MUSS SICH INS KOMA UND ZURÜCK SAUFEN, MUSS RTL UND RTL2 GLOTZEN, BIS DORT ALLE REALITY-SHOWS IHREN KAKERLAKEN-FRESS-WAHNSINN NACH BESCHEUERTEM DREHBUCH AUSGEPRESST HABEN. DAS IST DER MENSCH, EINE MARIONETTE IN DEN KLAUEN „SEINER“ TECHNIK. ER IST EIN ZAHNRÄDCHEN GEWORDEN. Begreifen Sie doch die Formel. Wenn Sie rechnen können, dann werden Sie verstehen, und Sie müssen sich die Anwendung der Formel kumulativ vorstellen, ein iterativer Wahnsinn, dann werden Sie verstehen, dass nur noch der Zufall uns retten kann. Jetzt wurde es still im Saal. – Zufall? fragte ein piepsendes Stimmchen. Jawoll, Zufall! donnerte Tom. Wenn es nicht Zufall ist, und auf den würde ich gar nichts wetten, dann kann es nur eine spirituelle Umkehr sein. Die Welt ist nur als spiritueller Neubeginn in jedem einzelnen Bewusstsein zu retten! – Esoterisches Gesülze! – Du erfüllst alle Kriterien des IRRE-SEINS. – Jawohl, Irresein. Die Logik der Zerstörung muss heute einen Breivik freisprechen, muss ihm Wahnsinn unterstellen, damit der ganz normale Wahnsinn nicht entlarvt wird. Jetzt flogen Pappbecher nach vorne. – Nazi! Rassist! – Bea hatte dem Wirt vorsorglich geraten, keine Gläser zu benutzen, was sich nun wieder einmal als gute Präventionsarbeit erwies. Genau das würde Heinz Neuwerth in seinem Kommentar über den turbulenten Abend im Brooklyns positiv hervorheben. Die kleine Frau klappte ihren Kiefer zu und fühlte eine Leere wie noch nie zuvor.
20.38 Uhr. Tom hatte längst den Faden verloren. Eigentlich war nie einer da, der ihn aus seinem Labyrinth aus kaputten Träumen hätte herausführen können. Längst wünschte er, er hätte sich gar nie auf diese Lesung eingelassen. Und auf einmal erwachte er.
Nein, diesen Weg würde er nicht gehen. Nicht mehr. Nie mehr.
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